Freitag, 16. November 2007

Die große Konstante

Warum, warum, warum nur eine "Philosophische Intelligenz" (PQ) entwickeln? Die Frage treibt mich immer wieder um. Was sie ausmacht, ist mir recht klar - aber es auf den Punkt zu bringen, warum sie mir jetzt, hier und heute so wichtig erscheint... davon erhasche ich immer wieder nur einen Zipfel. Heute jedoch habe ich einen Fortschritt gemacht!

Bisher ging es eher ums "gute Leben". Hört sich plausibel an und ist auch nicht falsch. Aber irgendwas scheint mir noch darunter zu liegen, noch fundamentaler zu sein. Und mein heutiger Gedanke war, dass PQ eine Antwort auf den heutigen Zustand der Welt ist. Der ist charakterisiert durch Überfluss, oder neutraler: eine große Optionenvielfalt, und Vernetzung bzw. daraus resultierender Komplexität.

Überfluss konkret sind 50 Brotsorten statt genügend Brot zum Sattwerden. Komplexität konkret bedeutet, dass mein Brotkauf über viele, viele Stationen Einfluss auf jemanden in Indien hat; und umgekehrt die Befindlichkeit von Menschen im fernen China Einfluss auf meine nimmt.

Dieser Zustand der (westlichen?) Welt heute ist aber nur der aktuelle Endpunkt einer Kurve ständigen Anstiegs von Optionenvielfalt und Komplexität. Wachstum von Vielfalt und (auch daraus resultierender) Komplexität ist für mich die entscheidende, große Konstante.

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Klar, Kriege, Naturkatastrophen oder auch Dummheit/gesellschaftliche Katastrophen haben immer wieder Vielfalt und Komplexität auch verringert. Aber nur temporär oder regional begrenzt. Insgesamt sind sie über die letzten 5000 Jahre jedoch nur gestiegen. Mal langsamer, mal schneller.

Diese Entwicklung ist selbstverständlich nicht kontrolliert abgelaufen. Sie ist die Summe der Bemühungen unzähliger Individuen und sozialer Systeme.

Entwicklung - ob kontrolliert oder nicht - erfordert nun natürlich Anpassung. Die besteht in einer Vergrößerung der Freiheit der Individuen oder überhaupt in der Entwicklung von Individualität. Auch das scheint mir eine historische Konstante - allerdings ist die Zunahme von Freiheit weniger stark, sie erlebt immer wieder Rückschläge.

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Jeder Form von Totalitarismus ist ein solcher Rückschlag, jedes Dogma, jede Ideologie. Denn Ideologie ist starr - das ist ihr Wesen - und wirkt bei gegebenem Zuwachs an Vielfalt und Komplexität wie ein Korsett. Ideologie ist per se untauglich, mit wachsender Komplexität umzugehen. Denn Komplexität verlang flexible Reaktion, die Akzeptanz des Unvorhersehbaren - Ideologie besteht immer darin, Unvorhersehbarkeit zu reduzieren. Ihre Regeln von heute sollen taugliche Hilfen sein für das durch Komplexität Unvorhersebare von morgen.

Ideologien und Totalitarismus unterliegen immer einer Kontrollillusion. Sie haben zu wollen, mag verständlich sein. Sie zeitweise durchzusetzen ist - wie die Geschichte beweist - möglich. Langfristig verhindern sie aber nicht die Zunahme der Komplexität und damit auch die steigende Notwendigkeit (!) für individuelle Freiheit. Denn je höher die Komplexität, desto geringer die Möglichkeit, das komplexe System zentral zu steuern.

Solange biologische Individuen nach mehr Vielfalt streben - und das scheint angesichts seiner Konstanz im Kern des Menschseins zu liegen - verurteilen sie sich selbst (!) zu immer mehr Freiheit, wenn sie nicht unter der Last der selbstverschuldeten Komplexität zusammenbrechen wollen. Mehr Komplexität braucht mehr Dezentralisierung. Die ultimative Dezentralisierung besteht in hochgradiger Individualisierung, im freien und verantwortungsvollen und optionenbewussten und vielfaltsfähigen Einzelnen.

Aus meiner Sicht trägt PQ nun dazu bei, angesichts der unleugnbaren Komplexität und Vielfalt unserer Welt, den Einzelnen zu befähigen, angemessen mit ihr umzugehen. Für sich und für die anderen in den mehr oder weniger großen sozialen Systemen, deren Teil er ist. Und das für eine möglichst lange Zeit. Nachhaltig also.

PQ zu entwickeln erscheint mir insofern zeitgemäß wie auch nötig, solange jemand der großen Konstante "Vielfalt und Komplexität steigen" zustimmt. Wer möchte, dass Vielfalt und Komplexität ganz grundsätzlich weiterhin zu unser aller Wohl zunehmen, der kann keine Hilfe in Dogmen und Ideologien suchen. Vielfalt, Wohlstand: sie widersprechen jedem Korsett.

Aber Dogmen und Ideologien haben (scheinbar) gestern ja noch geholfen. Wenn sie nun als nicht zukunftsfähig erkannt sind (oder zumindest nicht vielfaltsförderlich), was soll an ihre Stelle treten? Ich meine, PQ ist eine Haltung, die hilft, das entstehende Vakuum zu füllen.

Vielfalt und Komplexität nehmen zu. Vielfalt und Komplexität brauchen individuelle freie Befähigung für den Umgang mit ihnen. PQ stärkt die Individualität und die Freiheit. Das scheint mir der Ausgangspunkt für, das Fundament von, die Motivation hinter PQ zu sein.

Auf die historischen Kurven bezogen bedeutet das: PQ will die Freiheitskurve der Vielfaltskurve annähern und der Vielfaltskurve zu einer ungehinderteren positiven und bewussten Entwicklung verhelfen.

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