Donnerstag, 1. März 2007

Verdammt zu urteilen

Wir stehen alle täglich und immer in einem Sperrfeuer, einem Sperrfeuer von Unterschieden. Denn nur Unterschiede können wir wahrnehmen. Das beginnt auf der physikalischen Ebene mit elektromagnetischen Schwingungen oder Schallwellen; ohne den Unterschied zwischen hoher und niedriger Amplitude keine Schwingungen. Das setzt sich auf biologischer Ebene bei der Wahrnehmung fort, die einzig über Nerven funktioniert, deren Botschaften frequenzmoduliert sind, d.h. Unterschiede im Abstand ihrer Amplituden aufweisen. Und das mündet in die unendliche Vielfalt von darauf aufbauenden Eindrücken und Gedanken, die jeweils nie ohne ihr Gegenteil möglich sind.

Ob die Unterschiede dabei eher in einem Kontinuum existieren wie der Schalldruck, oder ob sie diskrekt sind wie Schwangerschaft (ein bisschen Schwanger gibt es ja bekanntlich nicht), das ist dabei nicht so wichtig. Wesentlich ist, dass die Welt ausschließlich aus Unterschieden besteht, die, ja, die wir bewerten müssen.

Wie frei wir uns fühlen (auch ein Unterschied: frei:unfrei!), ist für diese Erkenntnis ebenfalls zunächst nicht wichtig. Die Unterschiede existieren, ja, sie machen geradezu die Existenz aus, ob wir sie bewusst betrachten oder nicht. Mehr oder weniger Korsett ändern nichts an der Menge der Unterschiede, mit denen wir kontinuierlich konfrontiert sind.

Mehr oder weniger Korsett, Stütze, Rahmen haben allerdings Einfluss auf unseren Umgang mit den Unterschieden. Regeln, Glauben, Korsett sind nämlich ausnahmslos Mittel zur Bewertung von Unterschieden. Ob ein bestimmter Schalldruck laut oder leise ist, ergibt sich nicht nur durch An- oder Abwesenheit eines Ohrenschmerzes, sondern z.B. auch durch das Gesetze. Schwanger oder nicht ist zwar keine Frage des Glaubens, aber welche Seite dieses Unterschieds als gut oder schlecht anzusehen ist durchaus.

Richtig:falsch und gut:schlecht sind die klassischen Schubladen, in die wir Unterschiede ständig und regelbasiert einordnen. Diese Schubladen sind menschengemacht, denn sie weisen einem Zustand einen Wert zu, den er naturgemäß nicht haben kann. Die Natur kennt keine Werte, sondern nur Zustände als Ergebnisse von Veränderungen entlang von Kausalketten. In der Natur bzw. ohne einen urteilenden Beobachter ist alles nur so, wie es ist.

Das heißt natürlich nicht, dass nicht auch Tiere Unterschiede zu sich in Bezug setzen und sie als wünschenswert oder zu vermeiden, mithin als gut oder schlecht beurteilen. Diese Beurteilung ist jedoch gar nicht oder nicht in dem Maße wie beim Menschen bewusst.

Sobald jedoch Bewusstheit bei der Beurteilung in Spiel kommt, ändert sie sich qualitativ. Plötzlich ist das Ergebnis nämlich nicht mehr unausweichlich und quasi berechnenbar. Bewusstes beurteilen ist vielmehr per definitonem ein ergebnisoffenes Beurteilen. Zumindest eigentlich. Denn der Vorbehalt immer wieder neu und anders zu entscheiden macht ja gerade das Bewusstsein aus. Bewusstsein ist sozusagen das Gegenteil von Automatismus - wie jeder bezeugen kann, der schon einmal versucht hat, bewusst versucht hat, einen Sturz zu verhindern.

Die interessanten Urteile über Unterschiede sind die, die auf der Ebene des Bewusstseins gefällt werden oder zumindest gefällt werden könnten. Alle anderen liegen ja außerhalb zumindest der spontanen Kontrolle und laufen automatisch ab.

Sicherlich sind die bewusst zu fällenden Urteile auch nur ein winziger Ausschnitt aus der Gesamtmenge aller Urteile in jedem Moment. Nichtsdestotrotz oder gerade deshalb machen sie uns Kummer. Denn bei bewussten Urteilen sind ja wir gefragt und nicht eine automatische Instanz in uns. Und wenn wir gefragt sind, d.h. unser Bewusstsein, dann ist der Ausgang der Beurteilung zunächst einmal prinzipiell offen. Wir können uns bewusst immer so oder so oder auch ganz anders entscheiden. Zumindest glauben wir das, wenn wir eine grundsätzliche Freiheit des Willens postulieren, die auch ich hier einmal voraussetzen will.

Die Ergebnisoffenheit unserer bewussten Urteile ist uns nun aber durchaus nicht (immer) recht. Zum einen kostet das Abwägen der zu beurteilenden Optionen Zeit und Mühe. Gerade in einer immer schneller sich drehenden Welt scheint das kontraproduktiv. Zum anderen kann sich ein Urteil, eine Wahl später als suboptimal im Hinblick auf den angestrebten Zweck herausstellen. Wir entscheiden uns für eine Waschmaschine - um am nächsten Tag in einer Werbebeilage von einem Sonderangebot mit 20% Rabatt für dasselbe Modell zu lesen. Oder wir entscheiden uns für das Überqueren einer roten Ampel - und haben einen Polizisten auf der anderen Straßenseite übersehen, der uns sogleich zur Rede stellt.

Bewusste Entscheidungen bergen also per se und immer die Gefahr von "Wie man´s macht, man macht´s verkehrt."

Deshalb, so scheint mir, hat es eine Koevolution von Bewusstsein und Bewusstseinskorsetts gegeben. Oder anders: Bewusstsein konnte nicht einfach so entstehen, sondern musste sich langsam aus biologischen Automatismen herausschälen. Die hat es dann allerdings nicht gleich abgestreift, sondern in Form geistiger Korsetts mit sich getragen. An die Möglichkeit zu falschen Urteilen muss sich das Bewusstsein sozusagen erst gewöhnen.

Das macht nichts. Es ist vielmehr ganz natürlich. Aber diese Korsetts stehen dennoch im Gegensatz zum angestrebten Bewusstsein zwecks Genuss von Freiheit durch Selbstbestimmung. Denn Selbst-Bestimmung erfordert ja Bewusstsein als Kern.

Das bedeutet: Wer frei sein möchte, wer sich selbst bestimmen möchte, der muss auch Bewusstheit wollen und ist damit auch das eigene, quasi manuelle Urteilen. Ein freudvolles Leben in Selbstbestimmung gibt es also nicht ohne bewusste Bewertung der uns unter Sperrfeuer legenden Unterschiede.

Und damit bin ich wieder bei PQ: Eine Philosophische Haltung will helfen, mit diesem Sperrfeuer fertig zu werden, ohne in (überkommene) Korsetts zu schlüpfen. Bei PQ geht es daher um Urteile, d.h. Entscheidungen, und Werte, d.h. Maßstäbe. Und damit geht es dann natürlich auch um (Selbst)Verantwortung und die ständige Möglichkeit von Fehlurteilen, d.h. von Scheitern.

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