Donnerstag, 1. März 2007

Unter Beschuss

Abgesehen von Schulbankdrücken, Erwerbsarbeit und Behördengängen, so könnte man sagen, geht es doch irgendwie meistens um das "gute Leben", oder? Leben wir nicht in einer Freizeit-Gesellschaft und ist nicht Freizeit = Freude-Zeit? Dreht sich insofern nicht alles um Freude-Zeit-, also Freude-Maximierung?

Ja, irgendwie hat Freizeit natürlich auch mit Freude zu tun. Aber die Gelegenheiten zur Freude auf die Freizeit zu beschränken, fände ich schade. Warum soll ich nicht auch in der Schule mit Freude dabei sein können, Brotarbeit mit Freude verrichten oder einem geplagten Beamten mit Freude begegnen?

Immer und überall ist Gelegenheit zur Freude - wenn wir denn offen sind für sie. Mit Robustheit verteidigen wir die mühsam eroberten Inseln der Freude in Heim und Freizeit. Ohne Offenheit vergeben wir uns aber die Chance, weitere solcher Inseln zu entdecken. Freude ist ja bis auf per definitionem ihr widersprechende Situationen wie solche von Verlust und berechtigter Angst immer möglich. Allerdings empfinden wir das wohl nicht so.

Mir scheint, die meisten Menschen fühlen sich die meiste Zeit "unter Beschuss". Die in ihnen sprudelnde Lebenskraft, ihr "Wille zur Freude" muss sich ständig Deckung suchen vor Anfeindungen. Die können von unmerklich über banal bis zu spürbar und offensichtlich oder gravierend reichen.

Unmerklich mag der kleine Ärgern über jemanden sein, der uns die Tür nicht aufgehalten hat. Aber auch eine Unsicherheit, wie es mit dem Beschäftigungsverhältnis im nächsten Jahr aussehen mag, muss nicht offensichtlich sein, sondern kann latent und quasi unmerklich die Freude im Alltag drücken.

Banal ist es, wenn eine Mahnung uns an einen schon wochenlang niedrigen Kontostand erinnert. Offensichtlich ist der "Beschuss" unserer Freude, wenn wir auf der Autobahn von einem Drängler genötigt werden.

Und als gravierend empfinden wir Einschnitte in unser Leben wie Entlassung oder Unfall, die unsere Planung, unser Sicherheitsgefühl auf eine harte Probe stellen.

Ein "gutes Leben" passiert also nicht einfach so. Er ergibt sich nicht quasi von allein und ganz natürlich, sondern wir müssen im Grunde immer etwas dafür tun. Scheinbar ist Freude nicht möglich, ohne dass wir uns gegen alles Mögliche wehren oder zumindest hart für sie arbeiten.

Aber ist das nicht ganz natürlich? Irgendwie schon. Das Leben ist halt ein Jammertal - oder? So sieht es zumindest aus, wenn man in die Gesichter der Pendler in Bus und Bahn in einer Großstadt wie Hamburg schaut. Freude ist darin nicht zu lesen.

Mir scheint es also zunächst einmal ganz plausibel, dass zwischen Robustheit und Offenheit ein ständiges Ungleichgewicht herrscht. Um den Anfeindungen des Alltags standhalten zu können, ist viel Robustheit gefragt und Offenheit scheint sich wenig auszuzahlen. Es sieht so aus, als könne der Wall um die Freude nur dicker, stärker und geschlossener werden.

War das aber je anders? War auch das früher womöglich besser? Ja und nein.

Ja, ich denke, früher war es schon anders, weil die Welt früher weniger komplex war. Wo nur zwei Waschmaschinen bei nur einem Händler in Reichweite zur Auswahl stehen, da kommt keine Angst davor auf, die falsche Wahl zu treffen, weil man ungenügend die Optionen- und Preisvielfalt recherchiert hat. Eine Welt, in der Menschenfresser ferne Fabelwesen sind, von denen nur wenige Weitgereiste berichten, erzeugt nur heimeligen Grusel angesichts solch ferner Gräueltaten; aber eine Welt, in der Selbstmordattentäter oder sonstige politische Gewalttäter potenziell jeden mit Auslöschung oder Verstümmelung bedrohen, der auch nur an eine Fernreise denkt - und das sind jährlich Millionen -, die beeinträchtigt das Empfinden von Freude natürlich.

Auf der anderen Seite, nein, früher war es natürlich auch nicht anders. Die Welt war weniger komplex, aber dennoch boten sich auch in der kleineren, simpleren heimischen Welt genügend Gelegenheiten, "Beschuss" der Freude zu empfinden. Heute ist es ein großes Leid für viele Frauen, kein Kind bekommen zu können - früher war es ein großes Leid, ein Kind nicht vermeiden zu können. Heute erzeugt drohende oder reale Arbeitslosigkeit Unsicherheit und Existenzängste - früher war Arbeitslosigkeit oft gleichbedeutend mit Nahrungslosigkeit und daher Tod.

Gestern wie heute stand und steht die Freude also "unter Beschuss". Ob dieser Beschuss heute stärker ist... Das sei dahingestellt. Mein Gefühl ist jedoch, dass viele Menschen ihn heute stärker spüren. Der Grund: ihr Wille zur Freiheit und Selbstbestimmung.

Ja, ich glaube, so einfach ist das.

Wer frei und selbstbestimmt leben will - und das wollen die allermeisten in der westlichen Welt, würde ich mal annehmen -, der kommt nämlich nicht umhin, sich selbst um das Ausbalancieren von Robustheit und Offenheit zu kümmern. Und wer sich selbst um etwas kümmern muss, der bemerkt natürlich auch das, was ihn daran hindert, was ihm dabei Mühe macht, umso leichter.

Wer A sagt, muss auch B sagen. So ist das mit Freiheit und Selbstbestimmung. Wer sie genießen will - wer also meint, sie seien überhaupt zu genießen -, der macht sich los von allen Behinderungen und letztlich auch von allen Stützen.

Zu sehen ist das bei jedem Kind: Am Anfang lebt ein Kind voll Freude in einer behüteten Welt. Seine Freiheit und Selbstbestimmung bewegen sich in einem sehr engen Rahmen. Dann aber entwickelt das Kind mehr eigenen Willen. Es strebt über den Rahmen hinaus. Zum Beispiel möchte es mehr Spielzeug oder Kleidung, als die Eltern ihm kaufen. Also erweitern die Eltern den Rahmen und geben dem Kind ein Taschengeld, um es selbstbestimmter entscheiden zu lassen. Dieser Prozess setzt sich dann fort bis zum eigenen Geldverdienst, der maximale Selbstbestimmung (im Rahmen des Budgets) gestattet - aber auch keine Stützen mehr bietet. Am Ende ist jeder dem Kindesalter und dem Taschengeld entwachsener Menschen allein für seinen Kontostand verantwortlich. Eltern können, wollen und sollten nicht bis Sankt Nimmerlein als Stützen dienen.

Und so ist es letztlich in allen Bereichen des Lebens. Wer weniger gegängelt werden will, wer selbst entscheiden möchte, wer Freiheit von Beschränkungen und zu allem Möglichen sucht... der muss mit der Konsequenz der Selbstbestimmung und Selbstverantwortung leben.

Freiheit bedeutet den Verzicht auf Stützen, Rahmen, Vorgaben. Oder genauer: den Verzicht auf einfach übernommene Rahmen, auf unhinterfragte Regeln, auf unreflektierte Traditionen, auf unbedachten Glauben.

Und damit bin ich wieder bei PQ. Denn PQ hilft, die Lücke zu füllen, die durch das Loslassen von Regeln, Rahmen, Traditionen, Glauben entstehen. Ich meine, wer wirklich frei sein möchte und also zur Selbstbestimmung "verurteilt" ist, der tut gut daran, eine Philosophische Haltung zu entwickeln. Denn sie bietet einen Weg vom Hinterfragen zur Freude im Balancieren zu kommen.

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