Samstag, 3. März 2007

Maßstäbe hinterfragen

Der Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung hat seinen Preis: Er kostet die Mühe, die Unterschiede in der Welt, die uns ständig entgegentreten, zu bewerten, d.h. zu uns in Bezug zu setzen. Wir müssen ihnen eine Bedeutung geben, denn sie haben von Natur aus keine eigene.

Was bedeutet es für mich, wenn es regnet? Ist es eine Last, weil ich einen Regenschirm halten muss, obwohl ich doch schon mit Einkaufstüten behangen bin? Oder ist es eine Lust, weil ich mit meiner Liebsten romantisch unter einem Regenschirm sitzend auf die Alster schaue?

Was bedeuten die Geräusche der Kinder aus der Nachbarwohnung für mich? Stören sie meine wohlverdiente Ruhe nach einem arbeitsreichen Tag? Oder sind sie für mich beruhigende Hinweise, dass es um Deutschlands Zukunft doch noch nicht so schlimm bestellt ist?

Regen:Trockenheit, Geräusch:Stille - das sind nur Unterschiede in der Feuchtigkeit und Luftbewegung unserer Umwelt. Mehr nicht. Erst durch die Wahrnehmung eines bestimmten Feuchtigkeitsgrades oder eines Schalldrucks, erst durch uns als Beobachter bekommen sie einen Wert in dem wir sie be-wert-en.

Das geschieht meist automatisch und unbewusst... aber das kann eben auch bewusst passieren. Und es sollte und muss immer dann bewusst passieren, wenn wir frei und offen sein wollen. Denn wenn wir unbewusst und automatisch bewerten statt bewusst und mit Bedacht, dann stellt sich immer die Frage, ob wir selbst es sind, die da bewerten, d.h. ob wir uns den Bewertungsmaßstab gegeben haben - oder ob wir einen fremden Bewertungsmaßstab übernommen haben und insofern nur Vor-Urteile "wiederkäuen".

Wenn wir beginnen, die Welt als Kinder und Jugendliche zu erkunden, dann tun wir sicherlich gut daran, Bewertungsmaßstäbe unserer Umwelt zunächst zu übernehmen. Wir profitieren damit von der darin kondensierten Erfahrung unserer Mitmenschen und Vorfahren. Sie können uns manch unschöne Erfahrung ersparen. Sie automatisieren Bewertungen und halten uns damit den Rücken frei für Wichtigeres.

Unbewusstheit und Automatismen sind also selbstverständlich wichtig im Leben. Auch wenn wir verdammt sind zum Urteilen, um uns selbst zu bestimmen, kann doch das "verdammte Urteilen" auch einmal aufhören, oder? Eine Welt, in der wir immer und alles nur bewusst beurteilen wollten, um ja keine Lücke zu lassen, durch die Unfreiheit hereinschlüpfen könnte, wäre ja nicht zum Aushalten. Weder für uns, noch für andere. Und sie wäre auch nicht praktikabel, denn alle Entscheidungen würden durch den Zwang zur Bewusstheit viel langsamer ablaufen.

Bei aller Liebe zum Bewusstsein und zu PQ tun wir also auf der anderen Seite auf gut daran, das bewusste Bewerten nicht zu übertreiben. Hier wie auch sonst im Leben kommt es auf das rechte Maß an.

Allerdings: Der Automatisierung von Bewertungen sollten wir uns schon bewusst sein. Nicht unbedingt im Moment der Bewertung, denn da ist die Unbewusstheit ja sowohl in Bezug auf die Bewertung wie auch die Beobachtung der Bewertung, sozusagen die Meta-Bewertung, beabsichtigt.

In Zeiten der Ruhe tun wir dann allerdings gut daran, unsere automatischen Bewertungen zu reflektieren. Dann sollten wir über sie nach-denken.

Wenn wir durch eine Fußgängerzone gehe und sich uns bettelnde Hände entgegenstrecken, entscheiden wir meist ganz automatisch, etwas hineinzulegen oder auch nicht. Und das ist völlig ok. Denn während des Einkaufsbummels bei jedem Bettler immer wieder bewusst bewerten zu müssen, das soll nicht Ziel einer Philosophischen Haltung sein. Dann würde aus der Freiheit zur Bewertung wirklich schnell die Last eines verdammten Urteilens werden, das wir vermeiden wollen würden.

Während wir dann allerdings Pause machen beim Einkaufen oder später zuhause oder vielleicht erst im Urlaub... da sollten wir fähig sein, unsere unbewussten Entscheidung zu reflektieren. Der Verkäufer einer Obdachlosenzeitung oder ein Kleiderspendenaufruf im Postkasten mögen uns an den bettlergesäumten Einkaufsbummel und unsere unbewussten Urteile erinnern. Und dann (!) sollten wir willens und in der Lage sein, unseren Wertmaßstäbe hinter unseren Urteilen bewusst zu betrachten, zu überdenken, ggf. zu revidieren und schließlich als unsere eigenen anzunehmen.

PQ kann man insofern vielleicht als geistiges Wiederkäuen ansehen: Wenn ein Reh beim Äsen aufgeschreckt wird, dann stellt es das genüssliche Kauen ein und flüchtet automatisch. Erst wenn es wieder Ruhe gefunden hat, beginnt es wieder mit dem Kauen dessen, was es schon vor der Flucht zu sich genommen hatte. Während der Flucht war keine Zeit dafür.

Ähnlich ist es mit der Bewusstheit unserer Beurteilungen. Sie braucht eine gewisse Ruhe, um ihren Gegenstand von allen Seiten zu betrachten und schließlich nach Abwägung des Einflusses aller Maßstäbe dem Beobachteten einen Wert zuzuweisen. In der Hektik des Alltags ist dafür aber nicht immer Zeit, so dass viele Urteile zunächst (!) automatisch gefällt werden müssen.

Vielleicht sollte ich PQ deshalb so präzisieren: Nur bewusste Entscheidungen können frei sein und der Selbstbestimmung dienen. Diese bewussten Entscheidungen müssen jedoch nicht notwendig im Moment einer Beobachtung getroffen werden - Regen fällt, Kindergeräusche auf dem Nebenzimmer -, sondern können vorher in Ruhe in grundsätzlicherer Weise vorbereitet werden. Wichtiger als die bewusste Entscheidung in Bezug auf eine Beobachtung ist also die bewusste Entscheidung für einen Maßstab, der dann im Moment der Beobachtung durchaus automatisch angewandt werden kann.

Wie weit dann Maßstabsentscheidung und Beobachtungsentscheidung auseinanderliegen, das kann sehr verschieden sein. Vielleicht Tage, Wochen, Jahre, vielleicht aber auch nur Sekunden oder Minuten.

Entscheidend ist die grundsätzliche Offenheit dafür, Maßstäbe überhaupt bewusst zu überdenken und anzupassen. Dieses Überdenken wird dann allermeistens ein Nach-Denken sein, denn es ist immer zuerst ein Maßstab vor einer (automatischen) Entscheidung da. Den können wir uns früher bewusst gegeben haben - oder er ist aus tieferliegenden, unbewussten Automatismen entstanden oder wir haben ihn unbewusst übernommen.

Bei PQ geht es also eher um ein Vor-Denken und Nach-Denken, als nur ums Denken. Eine Philsophische Haltung distanziert sich vom stetig wechselnden Moment und betrachtet das Leben im Überblick, der von gestern bis morgen reicht, als Ganzes.

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