Mittwoch, 7. März 2007

Lernen mit PQ

Das Bild von Ina, PQ sei wie Autofahren im Wald, finde ich interessant. Es berührt für mich einen Grundaspekt unseres Lebens und Webens: Die Notwendigkeit zur ständigen Anpassung.

Das Leben ist nie statisch. Leben ist Veränderung. Unsere Brust hebt und senkt sich lebenslang im Atmen. Unser Blut fließt lebenslang durch unsere Adern. Unsere Nervenzellen leiten lebenslang Impulse. Und von außen dringen immer, immer, immer Eindrücke auf uns ein, zu denen wir Stellung nehmen müssen. Mal durch eine unbewusste Handbewegung, um eine Flieg zu verscheuchen... Aber oft eben auch durch bewusstes Urteilen.

Das Ergebnis jedes bewussten und unbewussten Urteils, jeder Entscheidung ist dann irgendeine Handlung. Handbewegung, Sprung, Antwort, Gedanke. Sogar Passivität ist eine Handlung im Sinne des Ergebnisses einer Entscheidung.

Jede Handlung wiederum wirkt auf unsere Umwelt ein und verändert sie. Sie tritt uns dann wieder entgegen und fordert uns zur Stellungnahme auf. So gibt sie uns Feedback zu unseren Handlungen.

Das ist alles nicht zu vermeiden. Wir, unsere physische und geistige Struktur, sind unausweichlich mit der Gesamtstruktur unserer Umwelt gekoppelt. Ihre Veränderungen verändern uns, unsere Veränderungen verändern sie. Es ist ein lebenslanger, sehr intimer Tanz. Und wir können ihm nicht entfliehen.

Allerdings kann dieser Tanz jederzeit enden - durch unseren Tod. Sterben bedeutet im Hinblick auf diese Kopplung der Veränderungen, dass wir nicht mehr fähig waren, uns so zu verändern, wie es zu den Veränderungen in der Umwelt passen würde.

Das klingt sicherlich zunächst seltsam, aber das liegt nur an der Abstraktheit meiner Formulierung. Wir sind es gewohnt, den Begriff "Veränderung" konkret zu benutzen. Ich verändere mich, wenn ich aufhöre zu rauchen oder graue Haare bekomme. Aber Veränderung ist immer und überall. Nicht auf auf solch makroskopischer Ebene. Sie ist genauso in jedem Organ, in jeder Zelle. Ständig.

Das macht auch das Wunder unseres Lebens aus. Dass wir uns der Myriade großer und kleiner Veränderungen der Umwelt (und auch in uns selbst) doch immerhin 60, 80 oder gar 100 Jahre lang so "anschmiegen" können, dass wir so "elastisch" sind, dass sie uns nicht aus der Bahn werfen. Ganz ohne einen Homunkulus in unserem Kopf, ganz ohne eine zentrale, alles lenkende und beaufsichtigende Instanz.

Leben ist anschmiegsam bleiben, Veränderungen elastisch folgen können, Plastizität. Werden wir hingegen physisch oder geistig starr... dann verlieren wir die Fähigkeit zur Anpassung.

Alte Knochen sind brüchiger, alte Gelenke steifer, alte Gehirne "verkalkt". Alter, d.h. größere Nähe zum Tod, ist im Grunde immer schon ganz bildlich mit Verlust an Geschmeidigkeit einhergegangen.

Umgekehrt stehen Gelenkigkeit, "Spannkraft", weiche Haut für Jugend, mithin für größere Anpassungsfähigkeit. Anpassungsfähigkeit aber bedeutet nichts anderes als Lernfähigkeit. Veränderte Strukturen sind nichts anderes als "Erinnerungen" an Veränderungseinflüsse. Ein Fuß hinterlässt im Sand eine Spur; die Struktur des Sandes hat sich verändert durch einen "Eindruck". Auch wenn der Fuß schon lange weitergegangen ist, sehen wir noch die "Erinnerung" an ihn.

Ebensolche Eindrücke sind die heiße Herdplatte, auf die wir fassen, der erste Kuss, die erste Enttäuschung, der Erfolg in der Schule, der Misserfolg in einem Projekt. Sie alle hinterlassen Spuren in uns. Das sind allerdings nicht nur Erinnerungen, sondern physiche und/oder geistige Strukturveränderungen, die unsere Reaktionen auf zukünftige Eindrücke vordisponieren. Bei der nächsten heißen Herdplatte verhalte ich mich (hoffentlich) vorsichtiger, bei der nächsten Mathearbeit bin ich zuversichtlicher, beim nächsten Menschen bin ich nicht so offen.

Eine philosophische Haltung soll nun dabei helfen, die auf uns einstürzenden Eindrücke bestmöglich zu verarbeiten. Sie will uns helfen, möglichst viel aus ihnen zu lernen und dabei elastisch zu bleiben. PQ will der geistigen Verknöcherung entgegenwirken, um uns immer offen für das Lernen zu halten.

Lernen ist Leben.

Und eine Autofahrt durch einen Wald ist auch Lernen. Insbesondere, wenn man womöglich mit verbundenen Augen fährt. Probieren Sie das aber am besten nicht aus. Allenfalls lassen Sie sich mal durch einen Wald mit verbundenen Augen führen. Das ist ein schönes Erlebnis.

Mit dem Auto im Wald mit verbundenen Augen soll nur eine Analogie sein. Eine Analogie für das Leben. Denn im Leben können wir im Grunde nicht (weit) sehen. Die Zukunft liegt für uns im Dunkeln. Genauso liegt aber auch alles um uns herum im Dunkeln. Damit meine ich, dass wir vieles, wenn nicht alles gar nicht wirklich erkennen können. Wir können den anderen Menschen nicht wirklich, wirklich sehen, sondern immer nur ein mehr oder weniger reduziertes Bild von ihm. Dasselbe gilt auch für Unternehmen, Tiere, das Weltgeschehen usw. usf. Es gilt sogar ganz grundsätzlich und auf der fundamentalen Wahrnehmungsebene. Wir können die Wirklichkeit nicht erkennen.

Trotzdem müssen wir uns in ihr bewegen und bewähren. Wie kann das gehen? Indem wir das, was uns unsere Sinne wie auch immer über die Wirklichkeit vermitteln innerlich zu einem Bild (Modell) von der Wirklichkeit verarbeiten und aufgrund dieses Bildes Entscheidungen treffen, wie wir uns verändern, wie wir handeln.

Wir sind dazu verdammt, die Passgenauigkeit unseres Bildes von der Welt unermüdlich an ihr zu prüfen. Ein Eindruck stürmt auf uns ein, wir urteilen aufgrund unseres bisherigen Bildes von der Welt, wir entscheiden uns, handeln nach der Entscheidungen... und schauen dann mal, was passiert. Erst wenn wir Feedback zu unserer Handlung aus der Welt bekommen, können wir etwas über die Passgenauigkeit unseres Bildes von ihr sagen.

Auf die Analogie mit dem Auto übertragen bedeutet das: Immer wenn wir an einem Baum entlangschrubben, haben wir sehr wertvolles Feedback bekommen. Dann wissen wir nämlich, wo ein Baum steht. Nur so erfahren wir etwas über den Wald, durch den wir fahren.

Auf der anderen Seite des Waldes angekommen können Sie den Wald nur insofern beschreiben, wie Sie gegen Bäume gestoßen sind. Sie können nichts über den Wald insgesamt aussagen. Sie wissen nur dort etwas über seine Beschaffenheit, wo Sie... gescheitert sind.

Scheitern gehört also zum Leben. Scheitern ist sehr, sehr wertvolles Feedback. Fehler geben uns unschätzbare Hinweise darauf, wo wir unser Bild von der Welt anpassen sollten, denn es hat uns ja "gegen den Fehler laufen lassen".

Das bedeutet nicht, dass wir Fehler provozieren sollen. Natürlich ist eine Autofahrt ohne Zusammenstoß mit einem Baum das Ziel. Wenn unsere Augen im Leben aber ganz prinzipiell gegenüber unserer Umwelt verbunden sind, dann können wir Fehler nicht vermeiden.

Das ist eine der Kernthesen der Philosophischen Haltung. PQ macht offen für Fehler und bemüht sich um Erhaltung der Geschmeidigkeit, um aus ihnen lernen zu können. Veränderungen gehören zum Leben; geistige Zustände, die Veränderungen im Wege stehen, sind daher lebensfeindlich.

Veränderungen zu umarmen, statt sie zu fürchten, das ist PQ. Die Unausweichlichkeit von Fehlentscheidungen zu akzeptieren und sie in etwas Positives zu verwandeln, das ist PQ.

-Ralf

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