Freitag, 23. März 2007

Sinnhaftigkeit braucht ein Gegenüber

Ina hat geschrieben "Sinnhaftigkeit entsteht immer dann, wenn wir das Gefühl haben, dass wir uns selbst entsprechen, dort wo wir sind" - das hört sich gut an. Selbstentsprechung, Kongurenz, Authentizität sind sicherlich grundsätzlich erstrebenswert.

Dennoch fehlt mir in der Beschreibung von Sinnhaftigkeit, d.h. dem Gefühl von Sinn im Leben, etwas. Und das ist das oder der andere, ein allgemeines alter, wo wir ego sind.

Sinnfülle können wir nicht aus uns selbst heraus ganz allein erzeugen. Als ego spüren wir Sinnfülle nur dort, wo wir für ein alter sind. Sinn im Leben entsteht nur im Geben und Geben braucht einen Empfänger. Ohne Gabe, ohne Ziel und Zweck der Gabe kein Sinn.

Umso unmittelbarer entsteht dabei dann für unser ego Sinnfülle, je persönlicher das Verhältnis zum alter. Je direkter uns Feedback zuteil wird, das unsere Gabe dankbar angenommen wird, je deutlicher wir uns wertgeschätzt fühlen, desto mehr Sinn empfinden wir.

Überraschend ist dabei nun, wie verschieden Gaben und Empfänger sein können und dennoch in uns das Gefühl von Sinnfülle erzeugen. Empfänger können einzelne Menschen oder Tiere sein, aber auch Gruppen oder Massen. Empfänger müssen uns auch nicht persönlich gegenüberstehen; sie können anonym und fern sein oder womöglich erst in der Zukunft existieren.

Und unsere Gaben müssen nicht materiell sein. Gegenstände, Handlungen, Worte, Ideen, ja sogar bloßes (Da)Sein kann als Gabe gelten.

Wasimmer wir im Guten für ein alter entscheiden, wieimmer wir uns einem Empfänger bewusst zuwenden in dem Wunsch, dass unsere Gabe wohlwollend angenommen werde, als Gabe von uns für ihn erkannte werde, ist sinnstiftend.

Allerdings empfinden wir den Sinn erst, wenn wir wieimmer auch geartet ein Feedback vom Empfänger bekommen, dass er uns durch und in unserer Gabe auch sieht.

Ob dieses Feedback in Form eines Lächelns oder eines Regenschauers nach langer Dürre kommt, ob das, was wir als Feedback wahrnehmen wirklich uns gilt oder wir uns das nur einbilden... das alles ist egal. Wir brauchen nur den Eindruck von Kausalität zu haben und empfinden Sinn.

Sinn braucht mithin Korrelation zwischen uns und jemandem oder etwas anderem. Sinnfülle ist damit auch nicht ein Zustand, sondern eher die Färbung eines Prozesses. Und dieser Prozess muss wohl umso bewusster ablaufen, je wechselnder unsere Gegenüber.

Oder umgekehrt: Da Prozesse immer Mühe machen, ist es wohl so, dass der Wunsch nach einem anhaltend sinnerfüllten Zustand umso größer ist, je wechselnder unsere Gegenüber sind. Dann beginnt die Suche nach Empfängern für unsere Gaben, die möglichst konstant sind.

Dienstag, 20. März 2007

Innehalten und Besonnenheit

Bei Ralfs Gedanken über das "Innehalten" und der Frage nach dem, wie es uns gelingen kann, auch im grössten Alltagsstress anzuhalten, um uns nicht verloren zu gehen, ging mir immer wieder der Begriff der Besonnenheit, die "Besinnung" durch den Kopf, die vielleicht so etwas wie das kleine und tägliche Ziel einer philosophischen Haltung sein kann. PQ bringt uns zur Besinnung - und schafft damit eine wirkliche und ernstzunehmende Ge-lassenheit im Umgang mit dem, was um uns herum geschieht. Das mag wie ein frommer Wunsch klingen, aber wenn wir uns von der Vorstellung befreien, einen Überblick nur deswegen gewinnen zu wollen, um die Kontrolle zu gewinnen (wie bei unserem Autofahrbeispiel), dann greift es zu kurz. Wir schaffen uns einen Überblick über den Kontext, in dem wir uns bewegen, nicht über den gesamten Lauf der Welt und der Dinge - wenn wir unseren Kontext erweitern können, ist das wunderbar, aber sobald wir es nicht auf eine "letzte Erkenntnis" anlegen, können wir auch nicht daran scheitern oder verzweifeln. Das Innehalten und die Besinnung hat etwas mit einem sehr individuellen Ziel zu tun - niemand als wir selbst können bestimmen, wann wir zur Besinnung kommen bzw. wann wir wieder aufbrechen wollen, um in der nächsten Schleife der Geschwindigkeit anzuhalten und nach dem "Sinn" zu fragen. Dieser Sinn besteht demnach nicht in festzulegenden Inhalten - also: sinnvolles Leben muss sich aus "einem guten Job, Familie, einem Haustier und mindestens einer ehrenamtlichen Tätigkeit" zusammensetzen, sondern Sinnhaftigkeit entsteht immer dann, wenn wir das Gefühl haben, dass wir uns selbst entsprechen, dort wo wir sind. Dann haben wir keine Ansprüche an das Außen, aber hoffentlich ein Interesse, eine Neugier und die Lust zum Dialog -. das aber ist etwas anderes und hat nichts mit Kontrolle zu tun: es lässt die Dinge sein.
Wenn wir also stetig Innehalten und zur Besinnung kommen, um dann den nächsten Schritt zu tun, dann nutzen wir diese Bewegung für eine persönliche Entwicklung, die ihren Wert in sich selbst trägt und damit zu einem inneren Kompass werden kann - und diesen Nutzen stiftet allein der reflektierte Umgang mit dem Verhältnis, das wir als unvollkommene, vereinzelte Individuen zu unserer Welt einnehmen - nicht anderes ist PQ.

Samstag, 17. März 2007

Am Anfang das Innehalten

Kann jeder Menschen eine Philosophische Haltung einnehmen? Wahrscheinlich der eine mehr und der andere weniger. Bei der einen geht´s etwas schneller und leichter, bei der anderen langsamer und beschwerlicher. Das hängt sicherlich davon ab, wo jemand auf seinem Lebensweg steht und wie er dahin gekommen ist. Es gibt sicherlich Ausbildungen, Einstellungen, Sozialisierungen und psychische Strukturen, die PQ begünstigen oder eben behindern.

In jedem Fall steht PQ für eine Haltung und Fähigkeiten, die man erlernen kann. Niemand wird damit einfach so geboren, genausowenig wie Menschen als Wissenschaftler oder Priester geboren werden. Man macht sich vielmehr dazu. Eine Philosophische Haltung ist eine Wahl, kein Schicksal, genauso wie wissenschaftliche Rigorosität oder tiefer Glaube Schicksal sind. (Zumindest vom PQ-Standpunkt aus betrachtet; ein Gläubiger mag das anders sehen.)

PQ ist erlernbar. Aber wo anfangen? Für mich beginnt PQ mit dem, was man gemeinhin eben nicht mit Lernen verbindet: mit dem Innehalten. Wer etwas lernt, der will ja etwas tun und eben nicht nichts tun. Aber PQ ist da anders. Am Anfang von PQ steht das Innehalten, ja das Anhalten.

Nur im "angehaltenen Zustand" können wir nämlich wirklich bewusst sein. Solange wir uns bewegen und vor allem je schneller wir uns bewegen, desto enger ist unser (Tunnel)Blick. Bewusstheit ist aber genau das Gegenteil eines Tunnelblicks. Es ist eher wie der Rundumblick von der Bergspitze des Geistes auf die Landschaft eines Zusammenhangs.

PQ soll am Ende natürlich zu Entscheidungen und damit zu Handlungen führen. Aber die sollen ja eben durch uns und nicht die Umstände bestimmt sein. Je mehr wir jedoch in Eile sind, uns bewegen, durchs Leben hasten, desto mehr müssen wir einfach nur reagieren. Und Reagieren bedeutet, dass wir Entscheidungen unbewusst nach vorgefertigten Mustern fällen.

Freiheit uns Selbstbestimmungen brauchen daher Ruhe. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir nur im Bett eine Philosophische Haltung einnehmen können. Nicht um äußere Ruhe und Bewegungslosigkeit geht es beim Innehalten, sondern um einen geistigen Stopp. Und der muss auch nicht stundenlang sein. Ein Aufblitzen, ein kurzes Verlangsamen, Zögern können reichen.

Was dieses Innehalten bedeutet, wird klar, wenn Sie sich einen Rennfahrer vorstellen. Ist Michael Schumacher während eines Rennens in seinem Formel 1 Boliden zu jeder Zeit frei, das Steuer nach Belieben zu drehen? Nein! Im Gegenteil: Das Steuer hat wegen der hohen Geschwindigkeit eines Rennwagens nur ein sehr kleines Spiel im Vergleich zum Steuer eines normalen PKWs.

Wirklich offen für eine Bewegung in jede Richtung ist nur jemand, der sich an einem Balancepunkt befindet. An einem Punkt also und nicht auf einer Flugbahn oder Rennstrecke. Selbstbestimmte Entscheidungen sind also nur möglich, wenn das, was in die eine oder andere Richtung fallen soll, im Moment keine Richtungspräferenz hat wie eine Münze, die auf ihrem Rand steht.

Innehalten stellt unseren Geist auf seine Spitze in Balance und macht es erst möglich, dass wir ergebnisoffen auf die Welt schauen. Erst im Innehalten können wir auch von der Welt zurücktreten und sie bewusst wahrnehmen. Wer im Rennwagen sitzt, blick zwar auch in die Welt - aber mit Tunnelblick nach vorn.

Innehalten ist wie eine Pause auf dem Hochsitz in einem Maislabyrinth, um in Ruhe einen Überblick zu gewinnen.

Menschen, die eine Philosophische Haltung einnehmen bzw. einüben wollen, stehen also zunächst einmal vor dem Problem zu lernen, inne zu halten. Wie schaffen Sie es, im Alltagsstress momentweise anzuhalten, Ihren Geist in Balance zu bringen und bewusst die Situation zu betrachten - um sie dann selbstbestimmt fortzusetzen?

Ich denke, dazu braucht es zunächst das Bewusstsein darüber, dass genau das für PQ nötig ist. Sie müssen sich immer wieder daran erinnern und sich somit sensibilisieren für Entscheidungssituationen. Es gilt, einen Automatismus zu etablieren, der Sie im Strom der Ereignisse an entscheidenden (sic!) Stellen immer wieder anhalten und wahrnehmen lässt, dass es um Ihre Selbstbestimmung geht.

Wie kommen Sie zu solch einem Automatismus? Ich denke, dazu bedarf es wiederkehrender Reflektion. Blicken Sie immer wieder zurück auf Ihren Alltag und überlegen Sie, in welchen Situationen Sie hätten innehalten sollen. Lassen Sie Muster für diese Situationen entstehen. Sensibilisieren Sie Ihr Gefühl für sie durch wertfreie Rückschau.

Oder lassen Sie sich durch andere Menschen reflektieren. Bitten Sie Partner und Freunde, Sie daran zu erinnern, inne zu halten. Andere haben oft ein besseres Gespür als wir selbst für unserer Gelegenheiten zum Innehalten. Sie sitzen ja nicht in unserem Rennwagen durch unseren Alltag, sondern beobachten uns von außen. Von dort können Sie uns dann quasi zuwinken und ermuntern, einmal kurz zur pausieren.

Im entscheidenden Moment inne zu halten und seinen Geist zu balancieren, um ergebnisoffen selbstbestimmt entscheiden zu können. Das ist der Anfang der Kunst von PQ.

Mittwoch, 14. März 2007

PQ - Eigenschaft oder Fähigkeit?

Durch das Bild des "Lenkens", das bei dem Fahren durch den Wald entstanden ist, entsteht die Frage, inwieweit "PQ" eine Haltung ist, die uns entweder als Talent gegeben ist, die wir wie eine Eigenschaft ausprägen können oder ob sie eher eine zu übende und zu erlernende Fähigkeit ist - etwas das auch Menschen zugänglich ist, denen das "Talent" dazu versagt geblieben ist...

Etwas anders: Gibt es Menschen, die sich automatisch im Sinne einer "PQ" verhalten, ohne zu wissen, dass sie es tun, braucht es dazu immer einen Anstoss von außen und gibt es MEnschen, die nicht in der Lage sind, zu einer solchen Haltung Zugang zu finden?

Letzteres lässt sich denke ich verneinen, auch wenn es sicher unterschiedlich hohe Widerstände gegen eine selbstbestimmtes Handeln und Denken gibt und es Menschen gibt, die vor lauter Furcht und Gewohnheit nicht wissen, wie und wo sie anfangen müssen - dann stellt sich die Frage, ob es nur durch Grenzsituationen, Verluste, grosse Veränderungen u.ä. wieder einen Weg zu dem findet, was wir mit PQ meinen. Die lassen sich nicht künstlich erzeugen, also gilt es, auf etwas sanfterem Weg Möglichkeiten zu schaffen, nicht nur von der Idee "PQ" berichten, sondern auch konkrete Einblicke in das zu eröffnen, was sie als Bereicherung mit sich bringt. Wie kann das aussehen? Wieder ein GEdanke, den es zu "verfolgen" gilt, ich hoffe, wir kriegen ihn.

Mittwoch, 7. März 2007

Lernen mit PQ

Das Bild von Ina, PQ sei wie Autofahren im Wald, finde ich interessant. Es berührt für mich einen Grundaspekt unseres Lebens und Webens: Die Notwendigkeit zur ständigen Anpassung.

Das Leben ist nie statisch. Leben ist Veränderung. Unsere Brust hebt und senkt sich lebenslang im Atmen. Unser Blut fließt lebenslang durch unsere Adern. Unsere Nervenzellen leiten lebenslang Impulse. Und von außen dringen immer, immer, immer Eindrücke auf uns ein, zu denen wir Stellung nehmen müssen. Mal durch eine unbewusste Handbewegung, um eine Flieg zu verscheuchen... Aber oft eben auch durch bewusstes Urteilen.

Das Ergebnis jedes bewussten und unbewussten Urteils, jeder Entscheidung ist dann irgendeine Handlung. Handbewegung, Sprung, Antwort, Gedanke. Sogar Passivität ist eine Handlung im Sinne des Ergebnisses einer Entscheidung.

Jede Handlung wiederum wirkt auf unsere Umwelt ein und verändert sie. Sie tritt uns dann wieder entgegen und fordert uns zur Stellungnahme auf. So gibt sie uns Feedback zu unseren Handlungen.

Das ist alles nicht zu vermeiden. Wir, unsere physische und geistige Struktur, sind unausweichlich mit der Gesamtstruktur unserer Umwelt gekoppelt. Ihre Veränderungen verändern uns, unsere Veränderungen verändern sie. Es ist ein lebenslanger, sehr intimer Tanz. Und wir können ihm nicht entfliehen.

Allerdings kann dieser Tanz jederzeit enden - durch unseren Tod. Sterben bedeutet im Hinblick auf diese Kopplung der Veränderungen, dass wir nicht mehr fähig waren, uns so zu verändern, wie es zu den Veränderungen in der Umwelt passen würde.

Das klingt sicherlich zunächst seltsam, aber das liegt nur an der Abstraktheit meiner Formulierung. Wir sind es gewohnt, den Begriff "Veränderung" konkret zu benutzen. Ich verändere mich, wenn ich aufhöre zu rauchen oder graue Haare bekomme. Aber Veränderung ist immer und überall. Nicht auf auf solch makroskopischer Ebene. Sie ist genauso in jedem Organ, in jeder Zelle. Ständig.

Das macht auch das Wunder unseres Lebens aus. Dass wir uns der Myriade großer und kleiner Veränderungen der Umwelt (und auch in uns selbst) doch immerhin 60, 80 oder gar 100 Jahre lang so "anschmiegen" können, dass wir so "elastisch" sind, dass sie uns nicht aus der Bahn werfen. Ganz ohne einen Homunkulus in unserem Kopf, ganz ohne eine zentrale, alles lenkende und beaufsichtigende Instanz.

Leben ist anschmiegsam bleiben, Veränderungen elastisch folgen können, Plastizität. Werden wir hingegen physisch oder geistig starr... dann verlieren wir die Fähigkeit zur Anpassung.

Alte Knochen sind brüchiger, alte Gelenke steifer, alte Gehirne "verkalkt". Alter, d.h. größere Nähe zum Tod, ist im Grunde immer schon ganz bildlich mit Verlust an Geschmeidigkeit einhergegangen.

Umgekehrt stehen Gelenkigkeit, "Spannkraft", weiche Haut für Jugend, mithin für größere Anpassungsfähigkeit. Anpassungsfähigkeit aber bedeutet nichts anderes als Lernfähigkeit. Veränderte Strukturen sind nichts anderes als "Erinnerungen" an Veränderungseinflüsse. Ein Fuß hinterlässt im Sand eine Spur; die Struktur des Sandes hat sich verändert durch einen "Eindruck". Auch wenn der Fuß schon lange weitergegangen ist, sehen wir noch die "Erinnerung" an ihn.

Ebensolche Eindrücke sind die heiße Herdplatte, auf die wir fassen, der erste Kuss, die erste Enttäuschung, der Erfolg in der Schule, der Misserfolg in einem Projekt. Sie alle hinterlassen Spuren in uns. Das sind allerdings nicht nur Erinnerungen, sondern physiche und/oder geistige Strukturveränderungen, die unsere Reaktionen auf zukünftige Eindrücke vordisponieren. Bei der nächsten heißen Herdplatte verhalte ich mich (hoffentlich) vorsichtiger, bei der nächsten Mathearbeit bin ich zuversichtlicher, beim nächsten Menschen bin ich nicht so offen.

Eine philosophische Haltung soll nun dabei helfen, die auf uns einstürzenden Eindrücke bestmöglich zu verarbeiten. Sie will uns helfen, möglichst viel aus ihnen zu lernen und dabei elastisch zu bleiben. PQ will der geistigen Verknöcherung entgegenwirken, um uns immer offen für das Lernen zu halten.

Lernen ist Leben.

Und eine Autofahrt durch einen Wald ist auch Lernen. Insbesondere, wenn man womöglich mit verbundenen Augen fährt. Probieren Sie das aber am besten nicht aus. Allenfalls lassen Sie sich mal durch einen Wald mit verbundenen Augen führen. Das ist ein schönes Erlebnis.

Mit dem Auto im Wald mit verbundenen Augen soll nur eine Analogie sein. Eine Analogie für das Leben. Denn im Leben können wir im Grunde nicht (weit) sehen. Die Zukunft liegt für uns im Dunkeln. Genauso liegt aber auch alles um uns herum im Dunkeln. Damit meine ich, dass wir vieles, wenn nicht alles gar nicht wirklich erkennen können. Wir können den anderen Menschen nicht wirklich, wirklich sehen, sondern immer nur ein mehr oder weniger reduziertes Bild von ihm. Dasselbe gilt auch für Unternehmen, Tiere, das Weltgeschehen usw. usf. Es gilt sogar ganz grundsätzlich und auf der fundamentalen Wahrnehmungsebene. Wir können die Wirklichkeit nicht erkennen.

Trotzdem müssen wir uns in ihr bewegen und bewähren. Wie kann das gehen? Indem wir das, was uns unsere Sinne wie auch immer über die Wirklichkeit vermitteln innerlich zu einem Bild (Modell) von der Wirklichkeit verarbeiten und aufgrund dieses Bildes Entscheidungen treffen, wie wir uns verändern, wie wir handeln.

Wir sind dazu verdammt, die Passgenauigkeit unseres Bildes von der Welt unermüdlich an ihr zu prüfen. Ein Eindruck stürmt auf uns ein, wir urteilen aufgrund unseres bisherigen Bildes von der Welt, wir entscheiden uns, handeln nach der Entscheidungen... und schauen dann mal, was passiert. Erst wenn wir Feedback zu unserer Handlung aus der Welt bekommen, können wir etwas über die Passgenauigkeit unseres Bildes von ihr sagen.

Auf die Analogie mit dem Auto übertragen bedeutet das: Immer wenn wir an einem Baum entlangschrubben, haben wir sehr wertvolles Feedback bekommen. Dann wissen wir nämlich, wo ein Baum steht. Nur so erfahren wir etwas über den Wald, durch den wir fahren.

Auf der anderen Seite des Waldes angekommen können Sie den Wald nur insofern beschreiben, wie Sie gegen Bäume gestoßen sind. Sie können nichts über den Wald insgesamt aussagen. Sie wissen nur dort etwas über seine Beschaffenheit, wo Sie... gescheitert sind.

Scheitern gehört also zum Leben. Scheitern ist sehr, sehr wertvolles Feedback. Fehler geben uns unschätzbare Hinweise darauf, wo wir unser Bild von der Welt anpassen sollten, denn es hat uns ja "gegen den Fehler laufen lassen".

Das bedeutet nicht, dass wir Fehler provozieren sollen. Natürlich ist eine Autofahrt ohne Zusammenstoß mit einem Baum das Ziel. Wenn unsere Augen im Leben aber ganz prinzipiell gegenüber unserer Umwelt verbunden sind, dann können wir Fehler nicht vermeiden.

Das ist eine der Kernthesen der Philosophischen Haltung. PQ macht offen für Fehler und bemüht sich um Erhaltung der Geschmeidigkeit, um aus ihnen lernen zu können. Veränderungen gehören zum Leben; geistige Zustände, die Veränderungen im Wege stehen, sind daher lebensfeindlich.

Veränderungen zu umarmen, statt sie zu fürchten, das ist PQ. Die Unausweichlichkeit von Fehlentscheidungen zu akzeptieren und sie in etwas Positives zu verwandeln, das ist PQ.

-Ralf

Dienstag, 6. März 2007

PQ ist wie Autofahren

Den Gedanken des Zurücktretens fand ich sehr eindrücklich, Ralf und ich glaube, die Ent-deckung der eigenen Maßstäbe baut fast ein bisschen darauf auf - denn nur aus dem Blickwinkel, der entsteht, wenn ich drei Schritte hinter das Gewohnte und Selbstverständliche zurück mache, ist der, aus dem ich etwas über mich erkennen kann. Salman Rushdie hat das doch mal so schön gesagt, dass man eben nur das ganze Bild sehen kann, wenn man aus dem Rahmen fällt - und das ist doch eben das Spannende: im wahrsten Sinne dieses Wortes fällt man aus dem Rahmen, wenn man diese Perspektive einnimmt. Diese Haltung - die beschreibt, worum es auch PQ geht - ist etwas besonderes, man findet sie nicht so oft, und wenn, dann ist gibt es sehr seltsame Reaktionen darauf: von "das tut man nicht" bis "genial" ist alles dabei und aus diesen Reaktionen lässt sich meist mehr über ihre Vertreter sagen, als über die Inhalte, die zu diesen Reaktionen führen. Warum ist eine philosophische Haltung so ungewöhnlich oder ist sie nur ungewohnt im Sinne von unbequem? Ich bin überzeugt - ebenso wie Du Ralf - dass es in der geübten Umsetzung von PQ um die Freude geht, eine Freude, die sich daran entzündet, dass das Leben ist, wie es ist und in diesem Leben völlig andere Dinge zum Anlass ihrer Freude nimmt als das, was wir auf der Suche nach "Spass" (oft leider der hohle kleine Bruder der Freude) meinen, in unserem Leben unterbringen zu müssen. Das, was die Akzeptanz der Welt oder des Lebens ausmacht, ist nicht das passive Zurücktreten in die Innerlichkeit, sondern das Vertrauen und der Respekt für das, was ich in diesem Leben vorfinde. Ich bin in der Lage, mit all dem zu arbeiten, es zu gestalten, mich zu entwickeln und Veränderung auf den Weg zu bringen, das hat aber immer etwas damit zu tun, dass die Welt weiterhin das Material dafür stiftet und damit Anerkennung verdient. Tatsächliche Freude hat immer etwas mit "Berührung" tun, und wenn wir in dem erwähnten Zurücktreten nicht nur Innehalten, sondern uns von der Welt entfernen, dann verlieren wir die Möglichkeiten, diese Freude zu erleben. Es geht also um eine Bewegung, die zwischen dem Innen und Außen pendelt und beides stetig ins Verhältnis setzt. Diese Fähigkeit ist uns im Kern mitgegeben, meine Kinder beherrschen sie oft wie selbstverständlich, aber in Anbetracht dessen, was wir im Laufe der Zeit in unserem Leben an Aufgaben versammeln ist sie eine beständig "zu übende" - ein bisschen wie das Lenken eines Autos durch den Wald, auch wenn es manchmal aussieht, als täten wir nicht mehr als das Steuer in beiden Händen zu halten, wir müssen doch sehr aufmerksam dafür sorgen, dass der Wagen in dem Tempo auf der Strasse bleibt, auf der wir ihn haben wollen...

Ina

Samstag, 3. März 2007

Maßstäbe hinterfragen

Der Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung hat seinen Preis: Er kostet die Mühe, die Unterschiede in der Welt, die uns ständig entgegentreten, zu bewerten, d.h. zu uns in Bezug zu setzen. Wir müssen ihnen eine Bedeutung geben, denn sie haben von Natur aus keine eigene.

Was bedeutet es für mich, wenn es regnet? Ist es eine Last, weil ich einen Regenschirm halten muss, obwohl ich doch schon mit Einkaufstüten behangen bin? Oder ist es eine Lust, weil ich mit meiner Liebsten romantisch unter einem Regenschirm sitzend auf die Alster schaue?

Was bedeuten die Geräusche der Kinder aus der Nachbarwohnung für mich? Stören sie meine wohlverdiente Ruhe nach einem arbeitsreichen Tag? Oder sind sie für mich beruhigende Hinweise, dass es um Deutschlands Zukunft doch noch nicht so schlimm bestellt ist?

Regen:Trockenheit, Geräusch:Stille - das sind nur Unterschiede in der Feuchtigkeit und Luftbewegung unserer Umwelt. Mehr nicht. Erst durch die Wahrnehmung eines bestimmten Feuchtigkeitsgrades oder eines Schalldrucks, erst durch uns als Beobachter bekommen sie einen Wert in dem wir sie be-wert-en.

Das geschieht meist automatisch und unbewusst... aber das kann eben auch bewusst passieren. Und es sollte und muss immer dann bewusst passieren, wenn wir frei und offen sein wollen. Denn wenn wir unbewusst und automatisch bewerten statt bewusst und mit Bedacht, dann stellt sich immer die Frage, ob wir selbst es sind, die da bewerten, d.h. ob wir uns den Bewertungsmaßstab gegeben haben - oder ob wir einen fremden Bewertungsmaßstab übernommen haben und insofern nur Vor-Urteile "wiederkäuen".

Wenn wir beginnen, die Welt als Kinder und Jugendliche zu erkunden, dann tun wir sicherlich gut daran, Bewertungsmaßstäbe unserer Umwelt zunächst zu übernehmen. Wir profitieren damit von der darin kondensierten Erfahrung unserer Mitmenschen und Vorfahren. Sie können uns manch unschöne Erfahrung ersparen. Sie automatisieren Bewertungen und halten uns damit den Rücken frei für Wichtigeres.

Unbewusstheit und Automatismen sind also selbstverständlich wichtig im Leben. Auch wenn wir verdammt sind zum Urteilen, um uns selbst zu bestimmen, kann doch das "verdammte Urteilen" auch einmal aufhören, oder? Eine Welt, in der wir immer und alles nur bewusst beurteilen wollten, um ja keine Lücke zu lassen, durch die Unfreiheit hereinschlüpfen könnte, wäre ja nicht zum Aushalten. Weder für uns, noch für andere. Und sie wäre auch nicht praktikabel, denn alle Entscheidungen würden durch den Zwang zur Bewusstheit viel langsamer ablaufen.

Bei aller Liebe zum Bewusstsein und zu PQ tun wir also auf der anderen Seite auf gut daran, das bewusste Bewerten nicht zu übertreiben. Hier wie auch sonst im Leben kommt es auf das rechte Maß an.

Allerdings: Der Automatisierung von Bewertungen sollten wir uns schon bewusst sein. Nicht unbedingt im Moment der Bewertung, denn da ist die Unbewusstheit ja sowohl in Bezug auf die Bewertung wie auch die Beobachtung der Bewertung, sozusagen die Meta-Bewertung, beabsichtigt.

In Zeiten der Ruhe tun wir dann allerdings gut daran, unsere automatischen Bewertungen zu reflektieren. Dann sollten wir über sie nach-denken.

Wenn wir durch eine Fußgängerzone gehe und sich uns bettelnde Hände entgegenstrecken, entscheiden wir meist ganz automatisch, etwas hineinzulegen oder auch nicht. Und das ist völlig ok. Denn während des Einkaufsbummels bei jedem Bettler immer wieder bewusst bewerten zu müssen, das soll nicht Ziel einer Philosophischen Haltung sein. Dann würde aus der Freiheit zur Bewertung wirklich schnell die Last eines verdammten Urteilens werden, das wir vermeiden wollen würden.

Während wir dann allerdings Pause machen beim Einkaufen oder später zuhause oder vielleicht erst im Urlaub... da sollten wir fähig sein, unsere unbewussten Entscheidung zu reflektieren. Der Verkäufer einer Obdachlosenzeitung oder ein Kleiderspendenaufruf im Postkasten mögen uns an den bettlergesäumten Einkaufsbummel und unsere unbewussten Urteile erinnern. Und dann (!) sollten wir willens und in der Lage sein, unseren Wertmaßstäbe hinter unseren Urteilen bewusst zu betrachten, zu überdenken, ggf. zu revidieren und schließlich als unsere eigenen anzunehmen.

PQ kann man insofern vielleicht als geistiges Wiederkäuen ansehen: Wenn ein Reh beim Äsen aufgeschreckt wird, dann stellt es das genüssliche Kauen ein und flüchtet automatisch. Erst wenn es wieder Ruhe gefunden hat, beginnt es wieder mit dem Kauen dessen, was es schon vor der Flucht zu sich genommen hatte. Während der Flucht war keine Zeit dafür.

Ähnlich ist es mit der Bewusstheit unserer Beurteilungen. Sie braucht eine gewisse Ruhe, um ihren Gegenstand von allen Seiten zu betrachten und schließlich nach Abwägung des Einflusses aller Maßstäbe dem Beobachteten einen Wert zuzuweisen. In der Hektik des Alltags ist dafür aber nicht immer Zeit, so dass viele Urteile zunächst (!) automatisch gefällt werden müssen.

Vielleicht sollte ich PQ deshalb so präzisieren: Nur bewusste Entscheidungen können frei sein und der Selbstbestimmung dienen. Diese bewussten Entscheidungen müssen jedoch nicht notwendig im Moment einer Beobachtung getroffen werden - Regen fällt, Kindergeräusche auf dem Nebenzimmer -, sondern können vorher in Ruhe in grundsätzlicherer Weise vorbereitet werden. Wichtiger als die bewusste Entscheidung in Bezug auf eine Beobachtung ist also die bewusste Entscheidung für einen Maßstab, der dann im Moment der Beobachtung durchaus automatisch angewandt werden kann.

Wie weit dann Maßstabsentscheidung und Beobachtungsentscheidung auseinanderliegen, das kann sehr verschieden sein. Vielleicht Tage, Wochen, Jahre, vielleicht aber auch nur Sekunden oder Minuten.

Entscheidend ist die grundsätzliche Offenheit dafür, Maßstäbe überhaupt bewusst zu überdenken und anzupassen. Dieses Überdenken wird dann allermeistens ein Nach-Denken sein, denn es ist immer zuerst ein Maßstab vor einer (automatischen) Entscheidung da. Den können wir uns früher bewusst gegeben haben - oder er ist aus tieferliegenden, unbewussten Automatismen entstanden oder wir haben ihn unbewusst übernommen.

Bei PQ geht es also eher um ein Vor-Denken und Nach-Denken, als nur ums Denken. Eine Philsophische Haltung distanziert sich vom stetig wechselnden Moment und betrachtet das Leben im Überblick, der von gestern bis morgen reicht, als Ganzes.

Donnerstag, 1. März 2007

Verdammt zu urteilen

Wir stehen alle täglich und immer in einem Sperrfeuer, einem Sperrfeuer von Unterschieden. Denn nur Unterschiede können wir wahrnehmen. Das beginnt auf der physikalischen Ebene mit elektromagnetischen Schwingungen oder Schallwellen; ohne den Unterschied zwischen hoher und niedriger Amplitude keine Schwingungen. Das setzt sich auf biologischer Ebene bei der Wahrnehmung fort, die einzig über Nerven funktioniert, deren Botschaften frequenzmoduliert sind, d.h. Unterschiede im Abstand ihrer Amplituden aufweisen. Und das mündet in die unendliche Vielfalt von darauf aufbauenden Eindrücken und Gedanken, die jeweils nie ohne ihr Gegenteil möglich sind.

Ob die Unterschiede dabei eher in einem Kontinuum existieren wie der Schalldruck, oder ob sie diskrekt sind wie Schwangerschaft (ein bisschen Schwanger gibt es ja bekanntlich nicht), das ist dabei nicht so wichtig. Wesentlich ist, dass die Welt ausschließlich aus Unterschieden besteht, die, ja, die wir bewerten müssen.

Wie frei wir uns fühlen (auch ein Unterschied: frei:unfrei!), ist für diese Erkenntnis ebenfalls zunächst nicht wichtig. Die Unterschiede existieren, ja, sie machen geradezu die Existenz aus, ob wir sie bewusst betrachten oder nicht. Mehr oder weniger Korsett ändern nichts an der Menge der Unterschiede, mit denen wir kontinuierlich konfrontiert sind.

Mehr oder weniger Korsett, Stütze, Rahmen haben allerdings Einfluss auf unseren Umgang mit den Unterschieden. Regeln, Glauben, Korsett sind nämlich ausnahmslos Mittel zur Bewertung von Unterschieden. Ob ein bestimmter Schalldruck laut oder leise ist, ergibt sich nicht nur durch An- oder Abwesenheit eines Ohrenschmerzes, sondern z.B. auch durch das Gesetze. Schwanger oder nicht ist zwar keine Frage des Glaubens, aber welche Seite dieses Unterschieds als gut oder schlecht anzusehen ist durchaus.

Richtig:falsch und gut:schlecht sind die klassischen Schubladen, in die wir Unterschiede ständig und regelbasiert einordnen. Diese Schubladen sind menschengemacht, denn sie weisen einem Zustand einen Wert zu, den er naturgemäß nicht haben kann. Die Natur kennt keine Werte, sondern nur Zustände als Ergebnisse von Veränderungen entlang von Kausalketten. In der Natur bzw. ohne einen urteilenden Beobachter ist alles nur so, wie es ist.

Das heißt natürlich nicht, dass nicht auch Tiere Unterschiede zu sich in Bezug setzen und sie als wünschenswert oder zu vermeiden, mithin als gut oder schlecht beurteilen. Diese Beurteilung ist jedoch gar nicht oder nicht in dem Maße wie beim Menschen bewusst.

Sobald jedoch Bewusstheit bei der Beurteilung in Spiel kommt, ändert sie sich qualitativ. Plötzlich ist das Ergebnis nämlich nicht mehr unausweichlich und quasi berechnenbar. Bewusstes beurteilen ist vielmehr per definitonem ein ergebnisoffenes Beurteilen. Zumindest eigentlich. Denn der Vorbehalt immer wieder neu und anders zu entscheiden macht ja gerade das Bewusstsein aus. Bewusstsein ist sozusagen das Gegenteil von Automatismus - wie jeder bezeugen kann, der schon einmal versucht hat, bewusst versucht hat, einen Sturz zu verhindern.

Die interessanten Urteile über Unterschiede sind die, die auf der Ebene des Bewusstseins gefällt werden oder zumindest gefällt werden könnten. Alle anderen liegen ja außerhalb zumindest der spontanen Kontrolle und laufen automatisch ab.

Sicherlich sind die bewusst zu fällenden Urteile auch nur ein winziger Ausschnitt aus der Gesamtmenge aller Urteile in jedem Moment. Nichtsdestotrotz oder gerade deshalb machen sie uns Kummer. Denn bei bewussten Urteilen sind ja wir gefragt und nicht eine automatische Instanz in uns. Und wenn wir gefragt sind, d.h. unser Bewusstsein, dann ist der Ausgang der Beurteilung zunächst einmal prinzipiell offen. Wir können uns bewusst immer so oder so oder auch ganz anders entscheiden. Zumindest glauben wir das, wenn wir eine grundsätzliche Freiheit des Willens postulieren, die auch ich hier einmal voraussetzen will.

Die Ergebnisoffenheit unserer bewussten Urteile ist uns nun aber durchaus nicht (immer) recht. Zum einen kostet das Abwägen der zu beurteilenden Optionen Zeit und Mühe. Gerade in einer immer schneller sich drehenden Welt scheint das kontraproduktiv. Zum anderen kann sich ein Urteil, eine Wahl später als suboptimal im Hinblick auf den angestrebten Zweck herausstellen. Wir entscheiden uns für eine Waschmaschine - um am nächsten Tag in einer Werbebeilage von einem Sonderangebot mit 20% Rabatt für dasselbe Modell zu lesen. Oder wir entscheiden uns für das Überqueren einer roten Ampel - und haben einen Polizisten auf der anderen Straßenseite übersehen, der uns sogleich zur Rede stellt.

Bewusste Entscheidungen bergen also per se und immer die Gefahr von "Wie man´s macht, man macht´s verkehrt."

Deshalb, so scheint mir, hat es eine Koevolution von Bewusstsein und Bewusstseinskorsetts gegeben. Oder anders: Bewusstsein konnte nicht einfach so entstehen, sondern musste sich langsam aus biologischen Automatismen herausschälen. Die hat es dann allerdings nicht gleich abgestreift, sondern in Form geistiger Korsetts mit sich getragen. An die Möglichkeit zu falschen Urteilen muss sich das Bewusstsein sozusagen erst gewöhnen.

Das macht nichts. Es ist vielmehr ganz natürlich. Aber diese Korsetts stehen dennoch im Gegensatz zum angestrebten Bewusstsein zwecks Genuss von Freiheit durch Selbstbestimmung. Denn Selbst-Bestimmung erfordert ja Bewusstsein als Kern.

Das bedeutet: Wer frei sein möchte, wer sich selbst bestimmen möchte, der muss auch Bewusstheit wollen und ist damit auch das eigene, quasi manuelle Urteilen. Ein freudvolles Leben in Selbstbestimmung gibt es also nicht ohne bewusste Bewertung der uns unter Sperrfeuer legenden Unterschiede.

Und damit bin ich wieder bei PQ: Eine Philosophische Haltung will helfen, mit diesem Sperrfeuer fertig zu werden, ohne in (überkommene) Korsetts zu schlüpfen. Bei PQ geht es daher um Urteile, d.h. Entscheidungen, und Werte, d.h. Maßstäbe. Und damit geht es dann natürlich auch um (Selbst)Verantwortung und die ständige Möglichkeit von Fehlurteilen, d.h. von Scheitern.

Unter Beschuss

Abgesehen von Schulbankdrücken, Erwerbsarbeit und Behördengängen, so könnte man sagen, geht es doch irgendwie meistens um das "gute Leben", oder? Leben wir nicht in einer Freizeit-Gesellschaft und ist nicht Freizeit = Freude-Zeit? Dreht sich insofern nicht alles um Freude-Zeit-, also Freude-Maximierung?

Ja, irgendwie hat Freizeit natürlich auch mit Freude zu tun. Aber die Gelegenheiten zur Freude auf die Freizeit zu beschränken, fände ich schade. Warum soll ich nicht auch in der Schule mit Freude dabei sein können, Brotarbeit mit Freude verrichten oder einem geplagten Beamten mit Freude begegnen?

Immer und überall ist Gelegenheit zur Freude - wenn wir denn offen sind für sie. Mit Robustheit verteidigen wir die mühsam eroberten Inseln der Freude in Heim und Freizeit. Ohne Offenheit vergeben wir uns aber die Chance, weitere solcher Inseln zu entdecken. Freude ist ja bis auf per definitionem ihr widersprechende Situationen wie solche von Verlust und berechtigter Angst immer möglich. Allerdings empfinden wir das wohl nicht so.

Mir scheint, die meisten Menschen fühlen sich die meiste Zeit "unter Beschuss". Die in ihnen sprudelnde Lebenskraft, ihr "Wille zur Freude" muss sich ständig Deckung suchen vor Anfeindungen. Die können von unmerklich über banal bis zu spürbar und offensichtlich oder gravierend reichen.

Unmerklich mag der kleine Ärgern über jemanden sein, der uns die Tür nicht aufgehalten hat. Aber auch eine Unsicherheit, wie es mit dem Beschäftigungsverhältnis im nächsten Jahr aussehen mag, muss nicht offensichtlich sein, sondern kann latent und quasi unmerklich die Freude im Alltag drücken.

Banal ist es, wenn eine Mahnung uns an einen schon wochenlang niedrigen Kontostand erinnert. Offensichtlich ist der "Beschuss" unserer Freude, wenn wir auf der Autobahn von einem Drängler genötigt werden.

Und als gravierend empfinden wir Einschnitte in unser Leben wie Entlassung oder Unfall, die unsere Planung, unser Sicherheitsgefühl auf eine harte Probe stellen.

Ein "gutes Leben" passiert also nicht einfach so. Er ergibt sich nicht quasi von allein und ganz natürlich, sondern wir müssen im Grunde immer etwas dafür tun. Scheinbar ist Freude nicht möglich, ohne dass wir uns gegen alles Mögliche wehren oder zumindest hart für sie arbeiten.

Aber ist das nicht ganz natürlich? Irgendwie schon. Das Leben ist halt ein Jammertal - oder? So sieht es zumindest aus, wenn man in die Gesichter der Pendler in Bus und Bahn in einer Großstadt wie Hamburg schaut. Freude ist darin nicht zu lesen.

Mir scheint es also zunächst einmal ganz plausibel, dass zwischen Robustheit und Offenheit ein ständiges Ungleichgewicht herrscht. Um den Anfeindungen des Alltags standhalten zu können, ist viel Robustheit gefragt und Offenheit scheint sich wenig auszuzahlen. Es sieht so aus, als könne der Wall um die Freude nur dicker, stärker und geschlossener werden.

War das aber je anders? War auch das früher womöglich besser? Ja und nein.

Ja, ich denke, früher war es schon anders, weil die Welt früher weniger komplex war. Wo nur zwei Waschmaschinen bei nur einem Händler in Reichweite zur Auswahl stehen, da kommt keine Angst davor auf, die falsche Wahl zu treffen, weil man ungenügend die Optionen- und Preisvielfalt recherchiert hat. Eine Welt, in der Menschenfresser ferne Fabelwesen sind, von denen nur wenige Weitgereiste berichten, erzeugt nur heimeligen Grusel angesichts solch ferner Gräueltaten; aber eine Welt, in der Selbstmordattentäter oder sonstige politische Gewalttäter potenziell jeden mit Auslöschung oder Verstümmelung bedrohen, der auch nur an eine Fernreise denkt - und das sind jährlich Millionen -, die beeinträchtigt das Empfinden von Freude natürlich.

Auf der anderen Seite, nein, früher war es natürlich auch nicht anders. Die Welt war weniger komplex, aber dennoch boten sich auch in der kleineren, simpleren heimischen Welt genügend Gelegenheiten, "Beschuss" der Freude zu empfinden. Heute ist es ein großes Leid für viele Frauen, kein Kind bekommen zu können - früher war es ein großes Leid, ein Kind nicht vermeiden zu können. Heute erzeugt drohende oder reale Arbeitslosigkeit Unsicherheit und Existenzängste - früher war Arbeitslosigkeit oft gleichbedeutend mit Nahrungslosigkeit und daher Tod.

Gestern wie heute stand und steht die Freude also "unter Beschuss". Ob dieser Beschuss heute stärker ist... Das sei dahingestellt. Mein Gefühl ist jedoch, dass viele Menschen ihn heute stärker spüren. Der Grund: ihr Wille zur Freiheit und Selbstbestimmung.

Ja, ich glaube, so einfach ist das.

Wer frei und selbstbestimmt leben will - und das wollen die allermeisten in der westlichen Welt, würde ich mal annehmen -, der kommt nämlich nicht umhin, sich selbst um das Ausbalancieren von Robustheit und Offenheit zu kümmern. Und wer sich selbst um etwas kümmern muss, der bemerkt natürlich auch das, was ihn daran hindert, was ihm dabei Mühe macht, umso leichter.

Wer A sagt, muss auch B sagen. So ist das mit Freiheit und Selbstbestimmung. Wer sie genießen will - wer also meint, sie seien überhaupt zu genießen -, der macht sich los von allen Behinderungen und letztlich auch von allen Stützen.

Zu sehen ist das bei jedem Kind: Am Anfang lebt ein Kind voll Freude in einer behüteten Welt. Seine Freiheit und Selbstbestimmung bewegen sich in einem sehr engen Rahmen. Dann aber entwickelt das Kind mehr eigenen Willen. Es strebt über den Rahmen hinaus. Zum Beispiel möchte es mehr Spielzeug oder Kleidung, als die Eltern ihm kaufen. Also erweitern die Eltern den Rahmen und geben dem Kind ein Taschengeld, um es selbstbestimmter entscheiden zu lassen. Dieser Prozess setzt sich dann fort bis zum eigenen Geldverdienst, der maximale Selbstbestimmung (im Rahmen des Budgets) gestattet - aber auch keine Stützen mehr bietet. Am Ende ist jeder dem Kindesalter und dem Taschengeld entwachsener Menschen allein für seinen Kontostand verantwortlich. Eltern können, wollen und sollten nicht bis Sankt Nimmerlein als Stützen dienen.

Und so ist es letztlich in allen Bereichen des Lebens. Wer weniger gegängelt werden will, wer selbst entscheiden möchte, wer Freiheit von Beschränkungen und zu allem Möglichen sucht... der muss mit der Konsequenz der Selbstbestimmung und Selbstverantwortung leben.

Freiheit bedeutet den Verzicht auf Stützen, Rahmen, Vorgaben. Oder genauer: den Verzicht auf einfach übernommene Rahmen, auf unhinterfragte Regeln, auf unreflektierte Traditionen, auf unbedachten Glauben.

Und damit bin ich wieder bei PQ. Denn PQ hilft, die Lücke zu füllen, die durch das Loslassen von Regeln, Rahmen, Traditionen, Glauben entstehen. Ich meine, wer wirklich frei sein möchte und also zur Selbstbestimmung "verurteilt" ist, der tut gut daran, eine Philosophische Haltung zu entwickeln. Denn sie bietet einen Weg vom Hinterfragen zur Freude im Balancieren zu kommen.